Spirituelles Wissen für eine neue Zeit Patrizia Geiß Lichtbewusstsein * Seelenwissen * Schöpferkraft * Erwachen * Einheit
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Der zeitlose Weber - Teil 2

 

Der Sucher verbrachte viele Tage am unendlichen Teppich des Webers. Er glaubte nun, die Struktur der Fäden, ihre Vielfalt und ihre Analogien verstanden zu haben. Doch als er das Muster genauer betrachtete, überkam ihn eine tiefe Melancholie.

 

Ein wunderschönes, goldenes Ornament aus Licht, das er gerade noch bewundert hatte, begann vor seinen Augen zu verblassen. Die Fäden entwirrten sich, gaben ihre Form auf und wurden zu einem kühlen, silbernen Muster.

 

„Meister!“, rief der Sucher bestürzt und lief zum Weber. „Dein Teppich zerstört sich selbst! Das goldene Bild, das eben noch so vollkommen war, ist vergangen. Warum lässt du zu, dass die Schönheit verfällt?“

 

Der Weber blickte nicht auf, während seine Hände den unsichtbaren Faden führten. „Du erlebst das Gesetz des Wandels, mein Freund. Die Menschen fürchten es und nennen es Vergänglichkeit oder Tod. Sie weinen um die Form, die vergeht, weil sie nicht sehen, dass die Substanz des Lichts niemals stirbt. Nichts bleibt unbewegt, denn Starrheit wäre der wahre Tod des Teppichs. Nur im Vergehen des Goldenen kann das Silberne geboren werden.“

 

Der Sucher dachte nach. Er blickte auf seine eigene Hand, dann auf die Uhr an seinem Handgelenk und fragte: „Aber wie können wir uns in diesem ständigen Sterben und Werden orientieren? Was ist dann die Zeit, die uns unaufhaltsam vorwärtspeitscht?“

 

Der Weber hielt für einen kurzen Moment inne. Er deutete auf das silberne Muster, das sich nun vollkommen entfaltet hatte. „Siehst du, wie das Silberne jetzt an der Stelle des Goldenen ruht? Zeit ist nichts anderes als das Maß dieses Wandels. Sie ist kein Fluss, der an dir vorbeirauscht. Sie ist nur der Name, den dein Verstand dem Abstand zwischen dem gibt, was Augenblicke zuvor war, und dem, was jetzt ist. Würde mein Faden stillstehen, gäbe es keine Zeit mehr für dich. Du misst nicht die Zeit; du misst nur meine Bewegung.“

 

Der Sucher wandte sich wieder dem Teppich zu und beobachtete den Übergang der Farben genauer. Er bemerkte, dass das Gold nicht abrupt abriss. Es floss in feinen, logischen Abstufungen – über Bernstein und Ocker – langsam in das Silber über. Da erkannte er das Prinzip der Kontinuität und der geordneten Abfolge.

 

„Es gibt keine Sprünge im Gewebe“, flüsterte der Sucher.

„Nein“, antwortete der Weber leise. „Alles fließt in einem konstanten, heiligen Strom. Jede Zeile bereitet die nächste vor. Das Gewebe eilt nicht, und es verweilt nicht. Es entfaltet sich in einer unendlichen Geduld, Schritt für Schritt, Faden für Faden.“

 

„Und wer bestimmt, wohin der Faden fließt?“, fragte der Sucher weiter, während er sah, wie ein plötzlicher, kräftiger Knoten im roten Bereich des Teppichs eine ganze Kaskade von blauen Wellen auslöste.

 

„Das ist das Gesetz der Kausalität“, sprach der Weber. „Jeder Zug, den ich im Zentrum tue, pflanzt sich fort. Jeder Knoten, den ein Gedanke oder eine Tat in der Welt setzt, wird zur Ursache für das Muster der nächsten Zeile. Nichts ist isoliert. Das Blaue tanzt nur deshalb so wild, weil das Rote zuvor einen Impuls gab. Der Kosmos vergisst nichts; jede Wirkung ehrt ihre Ursache.“

 

Der Sucher verneigte sich vor dem großen Weber. Er verstand nun, dass die Kausalkette, der Wandel und die Zeit die Werkzeuge waren, mit denen das unendliche Urlicht sich selbst eine Geschichte erzählte.

 

„Du webst also eine unendliche Reise“, sagte der Sucher leise.

 

Der Weber lächelte. „Ich webe die Kulissen der Zeit, damit die Seelen das Abenteuer des Erwachens erleben können. Doch erinnere dich: Der Teppich wandelt sich jede Sekunde – aber ich, der Weber, bleibe im Zentrum immer derselbe.“

 

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Die Uhr schlägt die Stunden und glaubt, sie hätte die Zeit gefangen. Doch das Pendel bewegt sich nur, weil die unbewegte Kraft im Inneren es treibt.

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