Es war einmal ein mächtiger und weiser Geometer, der lebte in einem Reich, das gänzlich aus Linien, Winkeln und messbaren Entfernungen bestand. Er besaß einen wunderbaren Zirkel und ein goldenes Lineal, und mit diesen Werkzeugen vermochte er alles zu erklären, was ihm begegnete. Er maß den Lauf der Ströme, die Höhe der Berge und die Dauer eines Herzschlags. Für ihn gab es nichts, was nicht Anfang, Mitte und Ende hatte. Jedes Ding folgte dem nächsten, wie ein Fußstapfen dem anderen im Sand.
Eines Tages hörte der Geometer im Wind das Gerücht von der Großen Stille – dem Urlicht, das weder Anfang noch Ende besaß, das grundlos aus sich selbst leuchtete und keinen Raum einnahm, obwohl es alles erfüllte.
Der Ehrgeiz des Geometers war geweckt. „Wenn es existiert“, sprach er, „dann werde ich es vermessen, in Formen gießen und für die Welt sichtbar machen.“
Er begab sich auf die Reise. Er wanderte an die äußerste Grenze der Kausalkette, dorthin, wo die Zeit entspringt. Vor ihm lag ein Abgrund, aus dem kein Echo widerhallte. Es war das Urmeer der Ewigkeit, das sich in alle Richtungen verlor, ohne Ufer, ohne Wellen, ein reiner Spiegel aus zeitlosem Sein.
Der Geometer lächelte zuversichtlich. Er zog sein goldenes Lineal und legte es an den Rand des Abgrunds. Doch kaum berührte das Metall die Unendlichkeit, schmelzte es wie Wachs in der Sonne. Das Lineal verlor seine Maße; die Zahlen zerrannen und wurden zu reinem, flüssigem Licht.
Erschrocken griff er nach seinem Zirkel. „Ich werde einen Kreis um dieses Mysterium ziehen!“, rief er und stach die Nadel in den Boden, um den Geist der Ewigkeit zu fixieren. Doch als er den Zirkel öffnete, stellte er fest, dass der Mittelpunkt überall und der Umfang nirgends war. Je weiter er den Zirkel spannte, desto tiefer begriff er, dass er versucht hatte, den Raum selbst mit einem Punkt zu durchbohren. Der Zirkel wurde in seiner Hand so schwer wie die ganze Welt und löste sich schließlich in ein Nichts auf.
Da versuchte der Geometer zu sprechen. Er wollte ein Wort formen, ein einziges, perfektes Konzept, das dieses grundlose Wunder einfangen konnte. Er holte tief Luft, um den Namen der Ewigkeit zu rufen. Doch das Wort, das aus seiner Kehle drang, war kein Laut. Es war ein Atemzug, der sich augenblicklich mit der Unendlichkeit verband. In dem Moment, als er den Mund öffnete, strömte die Stille des Abgrunds in ihn hinein.
Der Geometer erkannte die Ohnmacht seiner Kunst. Er begriff, dass der Gedanke, der aus dem Gestern kommt, niemals das Jetzt berühren kann. Er sah, dass die Sprache nur das Echo von Getrenntem ist, während das Urlicht die absolute Einheit war.
Er legte seine Werkzeuge endgültig nieder. Er hörte auf zu messen, hörte auf zu denken, hörte auf zu benennen.
Und in diesem Augenblick des vollkommenen Scheiterns geschah das Wunder: Solange er versucht hatte, die Unendlichkeit anzuschauen, stand er am Rand und blieb getrennt von ihr. Doch als er als Denker verstummte, fiel die Grenze zwischen ihm und dem Ozean. Er wurde nicht länger vom Licht bespienen – er stellte fest, dass er selbst aus diesem Licht gewebt war. Er war nicht mehr der Wanderer, der die Ewigkeit suchte; er war die Ewigkeit, die sich selbst in der Gestalt eines Wanderers erfahren hatte.